Wildnisfläche Hohe Schrecke
Mit dem Erwerb von rund 770 Hektar Waldfläche in der Hohen Schrecke erweitert die Naturstiftung David ihr Engagement für den Schutz großflächiger Waldwildnis in Thüringen. Die überwiegend strukturreichen, teils alten Waldbestände bieten wertvolle Lebensräume für zahlreiche seltene Arten und besitzen ein hohes Potenzial für die Entwicklung natürlicher Waldökosysteme. Die Fläche wird künftig dauerhaft aus der Nutzung genommen und kann sich ohne forstliche Eingriffe zu neuer Wildnis entwickeln. Sie ergänzt die bereits gesicherten rund 2.000 Hektar Wildnisflächen in der Hohen Schrecke und trägt dazu bei, eines der größten zusammenhängenden Waldwildnisgebiete Mitteldeutschlands weiter zu stärken.
Die Naturstiftung David engagiert sich seit dem Jahr 2008 gemeinsam mit den Anrainer-kommunen für den Erhalt und die Entwicklung der Hohe-Schrecke-Region. In den Jahren 2009 bis 2024 hat die Stiftung hier ein Naturschutzgroßprojekt durchgeführt, um den wertvollen alten Wald zu schützen, die Kulturlandschaft zu erhalten und die Regionalentwicklung zu fördern. Im Wald hat die Stiftung dabei das Konzept „Schutz und Nutzung“ verfolgt: Teile des Waldes sollen zum Schutz der Natur forstlich nicht genutzt, andere Teil naturnah bewirtschaftet werden.
Im Jahr 2014 hat die Familie Lindhorst in der Hohen Schrecke rund 1.000 Hektar Waldfläche erworben. Aufgrund vertraglicher Vereinbarungen blieben davon rund 25 % forstlich ungenutzt. Im Sommer 2025 wurde die Naturstiftung David von einem Makler informiert, dass die Familie Lindhorst beabsichtigt, die Gesamtfläche zu verkaufen. Die Naturstiftung David hat zunächst ein Waldwertgutachten in Auftrag gegeben: Durch einen vereidigten Sachverständigen wurde der Wert des Wirtschaftswaldes analysiert. Auf Basis dieses Gutachtens hat die Stiftung einen Antrag zur Refinanzierung des Kaufpreises durch Fördermittel des Bundesumweltministeriums gestellt. Der Antrag wurde Ende November 2025 positiv beschieden. Darauf aufbauend konnte die Stiftung dem Makler der Familie Lindhorst im Dezember 2025 ein verbindliches Angebot unterbreiten. Anfang Januar 2026 hat die Familie dieses Angebot angenommen und es wurde ein Kaufvertrag abgeschlossen.
Die Naturstiftung David ist seit dem Jahr 2008 in der Hohe Schrecke aktiv. Gemeinsam mit der Region hat die Stiftung in den vergangenen Jahren viele Projekte im Bereich der Regionalentwicklung umgesetzt – beispielsweise die Hängeseilbrücke im Bärental und den Familien-Erlebnisweg im Rabenswald.
Die jetzt von der Stiftung erworbene Fläche soll in das bestehende Gesamtkonzept des naturnahen Tourismus in der Hohen Schrecke integriert werden. Die ausgewiesenen Rad- und Wanderwege bleiben bestehen. Für die Jagd und den Waldbrandschutz werden Konzepte entwickelt und mit der Region abgestimmt. Die Stiftung setzt weiterhin auf eine enge und vertrauensvolle Partnerschaft mit den Anrainer-Kommunen, den Landkreisen und der Landesregierung.
In unbewirtschafteten Naturwäldern und auf Wildnisflächen können Wälder langfristig altern und Strukturen entwickeln, die in bewirtschafteten Wäldern weitgehend fehlen. Gerade alte Waldstrukturen mit starken Bäumen, Astabbrüchen sowie stehendem und liegendem Totholz tragen maßgeblich zur Artenvielfalt im Wald bei. Hierzu zählen seltene Pilze, Moose, Flechten und Insekten („Urwald-Reliktarten“) − ebenso Vögel wie der Zwergschnäpper oder Säugetiere wie die Bechsteinfledermaus. Die für die Artenvielfalt wichtige Strukturvielfalt erfordert eine natürliche Dynamik (z. B. Windwürfe) die sich auf möglichst großen und zusammenhängenden Flächen konfliktfreier als auf kleineren Flächen umsetzen lässt.
Unbewirtschaftete Wälder haben vielfältige Gemeinwohlfunktionen: Insbesondere liefern sie der Gesellschaft als „Freilandlabore“ wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich Wälder aus sich heraus an den Klimawandel anpassen. Sie zeigen auf, wie Wirtschaftswälder klimaresilienter gestaltet werden können. Zudem sind sie eine wichtige CO2-Senke. Erholungssuchende Menschen können in Naturwäldern Stille und Ungestörtheit genießen sowie die Natur in einer Arten- und Strukturvielfalt erleben, wie diese in Wirtschaftswäldern oft nicht anzutreffen ist.
Allgemein muss es das Ziel sein, dass die vielfältigen Funktionen des Waldes (Naturschutz, Erholung, Holzwirtschaft, Wasserspeicher, Klimaschutz …) möglichst gemeinsam auf der gleichen Fläche wirken. Um aber an alte Wälder spezialisierten Arten ausreichend Lebensraum zu bieten, ist es wichtig, auf einem geringen Teil der (bundesweiten) Waldfläche ausschließlich der Natur den Vorrang zu lassen. Die Bundesregierung hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2030 5 % des deutschen Waldes nutzungsfrei sein sollen („5 %-Naturwaldziel“) und sich zugleich auf mindestens zwei Prozent der deutschen Landesfläche die Natur in großflächigen Wildnisgebieten frei entwickeln kann („2 %-Wildnisziel“). Mit anderen Worten: Eine forstliche Nutzungseinstellung soll es bundesweit lediglich auf 5 % der Waldfläche geben – die verbleibenden 95 % können und sollen weiterhin genutzt werden.
Verortung der neuen Waldwildnis
Hintergründe zum Kauf der Fläche
Der Erwerb der Fläche wurde aus dem Förderprogramm „KlimaWildnis“ im Rahmen des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK) der Bundesregierung unterstützt. Mit dem Kauf und der Sicherung großflächiger Wildnisgebiete sind häufig viele Fragen verbunden. Im Sinne der Transparenz soll nachfolgende FAQ-Sammlung detaillierte Antworten geben:
Aufgrund der Wichtigkeit von unbewirtschafteten Naturwäldern und Wildnisflächen für den Naturschutz hat die Bundesregierung beschlossen, dass sich bis zum Jahr 2030 auf mindestens 2 % der deutschen Landesfläche die Natur in großflächigen Wildnisgebieten frei entwickeln kann („2 %-Wildnisziel“) und zugleich 5 % des deutschen Waldes nutzungsfrei sein sollen („5 %-Naturwaldziel“). Beide Ziele sind bisher noch nicht erreicht. Eine Bilanz der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt zeigt, dass bisher nur 3,1 Prozent des deutschen Waldes nutzungsfrei sind. Noch schlechter ist die Bilanz bei den großflächigen Wildnisgebieten: Erst 0,62 % der Landesfläche sind großflächig wirtschaftlich ungenutzt. Um die Wildnisziele bis zum Jahr 2030 zu erreichen, besteht deshalb Handlungsbedarf für die Bundesregierung.
Unbewirtschaftete Naturwälder und Wildnisflächen werden überwiegend auf Flächen von Bund und Ländern ausgewiesen. Sinnvoll ist es jedoch, diese Gebiete um kommunale oder private Flächen zu ergänzen, wenn sich Kommunen oder Privatpersonen freiwillig bereit erklären, ihre Flächen für die Wildnisentwicklung zur Verfügung zu stellen. Solche Flächen werden entweder zum Verkehrswert gekauft oder die Eigentümer erhalten eine angemessene Entschädigung für den Nutzungsentgang. Der Kaufpreis bzw. die Entschädigung wird aus Steuergeldern finanziert – weil damit zwei zentrale Ziele der Bundesregierung (2 %-Wildnisziel / 5 %-Naturwaldziel) auch auf kommunalen bzw. privaten Flächen umgesetzt werden.
Nein. In der Hohen Schrecke wurde die Naturstiftung David ebenso wie andere mögliche Kaufinteressenten von einem Makler angesprochen. Die Naturstiftung David hat – mit Verweis auf die zu nutzenden Förderprogramme – deutlich gemacht, dass sie maximal den von einem vereidigten Sachverständigen ermittelten Verkehrswert zahlen kann. Der Familie Lindhorst lagen nach eigenen Angaben auch andere Angebote von wirtschaftlich interessierten Käufern vor, die offensichtlich eine höhere Summe geboten haben. Die Familie Lindhorst hat sich dann – dankenswerterweise – entschieden, der Naturstiftung David den Vorrang zu geben.
Einen wichtigen Teil der Kaufpreisbildung stellen die amtlich festgestellten Bodenrichtwerte dar, die auf Basis von Verkäufen der letzten Jahre ermittelt werden. Für Waldflächen können die Bodenrichtwerte jedoch nicht den Verkehrswert eines Grundstücks abbilden, da sie nur den Bodenwert, nicht aber den Wert des darauf stehenden Waldes berücksichtigen. Umgekehrt kann der Verkehrswert eines bereits aus der Nutzung genommenen Waldes nahe Null sein, wenn der Waldboden nicht genutzt werden kann, aus betriebswirtschaftlicher Sicht „nutzlos“ ist und im Gegenzug kostenverursachende Eigentümerpflichten (z. B. Verkehrssicherung) anfallen.
Die Naturstiftung David hat im Sommer 2025 einen vereidigten Gutachter beauftragt, den Verkehrswert des Wirtschaftswaldes zu ermitteln. Der Gutachter hat hierbei im Wesentlichen auf die im Jahr 2024 erstellte Forsteinrichtung (Erhebung und Bewertung des Waldbestandes als Planungsgrundlage für die Nutzung des Waldes) zurückgegriffen und diese durch Erhebungen vor Ort aktualisiert. Aus dem (aktualisierten) Forsteinrichtungswerk wurden die Daten für den Baumbestand, die Menge des Holzvorrates, die Baumarten und Holzqualitäten übernommen. Anschließend wurde mit den am Markt aktuell üblichen Holzpreisen der Wert des Holzvorrats im Baumbestand abgeleitet. Bodenwert und Holzwert zusammen bildeten die Grundlage für den Verkehrswert, der dann vom Gutachter abschließend mit Vergleichspreisen von Gutachterausschüssen diskutiert und endgültig festgelegt wurde.
Die Region steht hinter dem Flächenkauf der Naturstiftung David. Alle Anrainer-Kommunen der Hohen Schrecke und die drei Landkreise (Landkreis Sömmerda, Kyffhäuserkreis, Burgenlandkreis) sind Mitglieder im Verein „Hohe Schrecke – alter Wald mit Zukunft“. Der Verein hat zum Flächenerwerb der Naturstiftung David folgendes Presse-Statement abgegeben:
„Für die im Hohe-Schrecke-Verein organisierten Gemeinden ist die enge Verknüpfung von Naturschutz und Regionalentwicklung ein zentrales Anliegen. Deshalb begrüßen wir ausdrücklich, dass die Naturstiftung David die Waldfläche in der Hohen Schrecke für den dauerhaften Natur- und Klimaschutz erworben hat. Mit der Naturstiftung David verbindet uns eine langjährige, verlässliche Partnerschaft. Umso mehr freuen wir uns darauf, gemeinsam mit der Stiftung die neue Wildnisfläche als wichtigen Baustein in unser Konzept für einen naturnahen Tourismus und eine nachhaltige Entwicklung der Region einzubinden.“
Wälder können neben Mooren zentrale natürliche Kohlenstoffsenken sein. Auch nach der Einstellung der forstlichen Nutzung wachsen die Bäume über Jahrzehnte weiter und binden Kohlenstoff − kurz- bis mittelfristig in der lebenden Holzmasse und im Totholz sowie langfristig im Waldboden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass forstlich unbewirtschaftete Wälder effektive Kohlenstoffspeicher und -senken darstellen.
Das von Seiten der Forstwirtschaft eingebrachte Argument, dass der genutzte Wald mehr Kohlenstoff bindet als der unbewirtschaftete Wald, geht immer vom Idealzustand einer Holznutzung über langlebige Produkte (Möbel, Dachstühle etc.) oder lange Nutzungsketten (Kaskaden) aus. Die vom Thünen-Institut des Bundeslandwirtschaftsministeriums aufbereitete Statistik zur Holzverwendung in Deutschland zeigt jedoch für das Jahr 2024 wie auch für die Vorjahre: Rund 50 % des in Deutschland geernteten Rohholzes (Nadel- und Laubholz) werden als Industrie- oder Brennholz genutzt, was mit einem eher kurzen Lebenszyklus einhergeht. Noch ungünstiger ist die Bilanz beim Laubholz: Von den im Jahr 2024 bundesweit geernteten 16,2 Mio. m³ Laubholz wurden 13,2 Mio. m³ (= 81 %) verbrannt. Dadurch erfolgt eine unmittelbare Freisetzung des im Holz gebundenen Kohlenstoffs. Während also im Naturwald die Kohlenstoff-Speicherung in den nächsten 50 bis 100 Jahren wächst, wird der Kohlenstoff bei der Holznutzung in den meisten Fällen innerhalb der nächsten 30 Jahre freigesetzt.
Für die jetzt zusätzlich in die Wildnis gegebene Fläche in der Hohen Schrecke kann also festgestellt werden: Die Einstellung der forstlichen Nutzung hat die bessere Klimaschutzwirkung als die forstliche Nutzung des Waldes. Das gilt in besonderem Maße für die Randbereiche des ehemaligen Schießplatzes – wo die derzeit noch vergleichsweise jungen Wälder absehbar noch über viele Jahrhunderte wachsen und damit Kohlenstoff binden werden.
Die Wälder der Hohen Schrecke sind bereits sehr naturnah und weisen eine hohe Vielfalt an einheimischen Baumarten auf. Es ist zu erwarten, dass sich die am besten angepassten Arten und genetischen Formen durchsetzen werden. Ein aktiver Waldumbau ist hier nicht erforderlich. Für den erforderlichen Waldumbau an anderer Stelle ist es jedoch wichtig zu beobachten, wie die Natur aus sich heraus mit den Folgen der Erderhitzung umgeht. Das neue Wildnisgebiet in der Hohen Schrecke ist ein solches „Freilandlabor“ – an dem die natürliche Anpassung eines im mitteldeutschen Trockengebiet gelegenen Waldes beobachtet werden kann. Die Naturstiftung David wird die natürliche Anpassung des Waldes wissenschaftlich dokumentieren lassen, um damit Hinweise auf den Waldumbau in Wirtschaftswäldern in vergleichbarer Lage zu geben.
Bei der jetzt aus der forstlichen Nutzung genommenen Waldfläche handelt es sich nahezu ausschließlich um Laubwälder. Laubholz wird bisher nur sehr selten als Bauholz verwendet. Die vom Thünen-Institut des Bundeslandwirtschaftsministeriums aufbereitete Statistik zur Holzverwendung zeigt für das Jahr 2024, dass die Holznutzung derzeit vom Nadelholz (77 %) dominiert wird und dass von dem deutschlandweit geernteten 16,2 Mio. m³ Laubholz insgesamt 13,2 Mio. m³ (= 81 %) verbrannt wurden. Hier gibt es noch sehr viel Potenzial für eine effizientere und nachhaltige Nutzung des wichtigen Rohstoffes Holzes (z. B. auch für die in diesem Zusammenhang immer wieder benannte Nutzung von Laubholz als Ersatzstoff in der Chemieindustrie). Das Holz aus der neuen Wildnisfläche ist derzeit also nicht „marktrelevant“. Die Brennholzselbstwerbung ist in der Hohen Schrecke auf anderen Flächen weiterhin möglich.
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Wildnis zu sichern, ist nur der erste Schritt – sie dauerhaft zu erhalten, ist eine langfristige Aufgabe: Auch wenn sich die Natur auf diesen Flächen frei entwickeln kann, entstehen kontinuierlich Kosten für Betreuung, Verkehrssicherung und Abgaben. Gleichzeitig sind die Flächen bewusst aus der Nutzung genommen und erwirtschaften keine Erträge.
Mit Ihrer Unterstützung können wir die Betreuung dieser wertvollen Waldwildnis langfristig sichern. So gewährleisten wir, dass sich die Natur ungestört entwickeln kann und diese besonderen Lebensräume auch in Zukunft erhalten bleiben.