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Windkraft & Fledermausschutz

Windräder stellen eine Gefahr für Fledermäuse dar. Experten schätzen, dass jährlich bis zu 250.000 Tiere an Windenergieanlagen (WEA) in Deutschland verunglücken, sofern diese ohne Schutzvorkehrungen betrieben werden. Fledermäuse fliegen meist in der Nacht, bei Schwachwind und Temperaturen von über 10 Grad Celsius. Werden die Betriebszeiten der Windräder daran angepasst, lässt sich das Kollisionsrisiko deutlich reduzieren. Mit der Software „ProBat“ werden auf Basis gemessener Flugaktivitäten standortspezifische Abschaltzeiten für Windräder berechnet. Die Naturstiftung David betreut ein Projekt zur Weiterentwicklung dieser Software.

Fledermäuse empfinden WEA vermutlich als interessante Struktur und versuchen diese zu erkunden – zumal sich hier oft mehr Insekten als in der Umgebung versammeln. Ein Teil der verunglückenden Fledermäuse wird direkt an den Rotorblättern geschlagen, ein anderer Teil fällt vermutlich einem „Barotrauma“ zum Opfer: Bedingt durch Luftverwirbelungen und Druckunterschiede hinter den Rotorblättern platzen die Lungen und inneren Organe der Fledermäuse. Umstritten ist, welche Auswirkungen die Windenergienutzung insgesamt auf die Populationsentwicklung der betroffenen Fledermausarten hat. Da Fledermäuse nur eine sehr geringe Fortpflanzungsrate haben, kann sich der Verluste bei kleineren Populationen sehr stark auswirken. Ungeklärt ist die Gefährdung der Population von ziehenden Fledermausarten.

Die 24 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensweise verschieden stark von der Windenergienutzung bedroht. Vor allem im freien Luftraum jagende und ziehende Arten sind kollisionsgefährdet. Besonders bedroht sind Zwergfledermäuse, Zweifarbfledermäuse, Mückenfledermäuse, Rauhautfledermäuse sowie der Große und Kleine Abendsegler. Sie machen rund 90 Prozent der Opfer an WEA aus. Andere Fledermausarten sind hingegen kaum bedroht.

Um Fledermaus-Schlagopfer an WEA zu verhindern, gelten derzeit Abschaltzeiten („Abschaltalgorithmen“) als bester Ansatz: In Zeiten hoher Fledermaus-Aktivität wird die WEA nach einem individuell festgelegten Algorithmus abgeschaltet. Da Fledermäuse in der Regel nur zu bestimmten Zeiten (zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, von März bis Oktober), bei geringen Windgeschwindigkeiten sowie bestimmten Temperaturen fliegen, kann die Abschaltzeit eingegrenzt werden. Insbesondere in windstarken Gebieten ist der wirtschaftliche Verlust durch die Abschaltung für den Betreiber überschaubar. Relevanter ist er in Schwachwind-Gebieten.

Generell gilt: je höher die Fledermausaktivität an einem Standort ist, desto umfangreicher fallen die Abschaltzeiten aus. An Standorten mit hoher Aktivität (insbesondere in der Nähe sogenannter Wochenstuben) ist auf die Errichtung von WEA generell zu verzichten – nicht zuletzt, weil hier ein rentabler Betrieb der WEA fraglich ist.

In den USA werden Versuche unternommen, mit Ultraschall-Lauten die Fledermäuse auf Abstand zu halten. Dieses Verfahren ist jedoch noch nicht ausgereift und stellt aus Sicht von Fledermaus-Fachleuten hierzulande bislang keine Alternative dar.

 

ProBat ist eine von der Universität Erlangen entwickelte Software zur Berechnung individueller Abschaltalgorithmen für einen fledermausangepassten Betrieb von Windenergieanlagen mit dem Ziel, die Zahl der Schlagopfer auf einen behördlich festgelegten Wert zu reduzieren. Die Software basiert auf umfangreichen Forschungen in den RENEBAT-Projekten aus den Jahren 2007 bis 2009 (RENEBAT I), 2011 bis 2013 (RENEBAT II) und 2013 bis 2016 (RENEBAT III). In den drei Projekten wurden umfassende Untersuchungen zur Vermeidung von Fledermaus-Schlagopfern an WEA durchgeführt. Mit der Software ProBat können Planer, Gutachter und Genehmigungsbehörden die RENEBAT-Forschungsergebnisse eigenständig und ohne großen Aufwand anwenden.

In nahezu allen Fällen besteht bei der geplanten Errichtung einer WEA der begründete Verdacht, dass durch den Betrieb Fledermäuse geschädigt oder getötet werden. Die Genehmigungsbehörde ordnet daher in der Regel eine pauschale Abschaltung in der Nacht (meist bei Windgeschwindigkeit kleiner oder gleich 6 m/s und einer Lufttemperatur über 8 oder 10 °C) sowie eine zweijährige Erfassung der Fledermausaktivität im Rotorbereich der Anlage („Gondelerfassung“) an. Dabei werden die Ortungsrufe von Fledermäusen mit einem Fledermaus-Detektor aufgezeichnet. Basierend auf den Forschungsergebnissen der RENEBAT-Projekte und diesen gemessenen Aktivitäten sowie Umweltparametern wird mit ProBat ein für die jeweilige WEA angepasster Betriebsalgorithmus berechnet.

ProBat gilt in Fledermausfachkreisen als derzeit bestes Instrument, um die Zahl von Fledermaus-Schlagopfern an WEA deutlich zu reduzieren. Es gibt jedoch Optimierungsbedarf:

  • Diskutiert wird, ob die Software für die immer größer werdenden WEA uneingeschränkt verwendet werden kann. Heutige Anlagen haben teilweise doppelt so große Rotorblätter wie die, an denen die umfassenden Basisuntersuchungen für ProBat erfolgten. Ein Problem ist beispielsweise, dass die Ultraschall-Laute einiger Fledermaus-Arten nur über geringe Entfernungen sicher aufgezeichnet werden können. Diskutiert wird deshalb, inwieweit bei sehr langen Rotorblättern die Erfassung an der Gondel Aussagen über die Gefährdung der Tiere im untersten Rotorbereich ermöglicht. Hier wird oft die Installation eines zweiten Detektors im Bereich der unteren Rotorspitze gefordert. Allerdings liegt für die Einordnung der so erfassten Daten bislang kein Vergleichsdatensatz vor, aus dem Schlussfolgerungen für den Betrieb abgeleitet werden könnten. 
  • Vor dem Hintergrund großer Aktivitätsunterschiede zwischen verschiedenen Jahren wird kritisch hinterfragt, ob ein Zeitraum von zwei Jahren für die Gondelerfassung als Basis für die Berechnung der Abschaltzeiten ausreicht. Einige Experten fordern eine mindestens dreijährige Erfassung vor Festlegung der Abschaltzeiten und eine turnusmäßige Kontrolle über die gesamte Betriebsdauer.
  • Ebenfalls kritisch bewertet wird, dass es derzeit keine Möglichkeit gibt, Altanlagen aufgrund neuerer Erkenntnisse nachträglich mit Abschaltzeiten zu beauflagen bzw. einmal beauflagte standortspezifische Abschaltzeiten zu einem späteren Zeitpunkt anzupassen.
  • Basis der ProBat-Berechnung ist ein Schwellenwert, der besagt, wie viele Schlagopfer an einer WEA pro Jahr toleriert werden. In vielen Bundesländern hat sich hier ein Wert von zwei Schlagopfern pro Anlage und Jahr durchgesetzt. Im Hinblick auf große Windparks und auf gefährdete Fledermaus-Populationen (z. B. der durch WEA besonders bedrohten Rauhautfledermaus) wird dieser Wert von Kritikern als zu hoch angesehen. Die ProBat-Programmierer verweisen darauf, dass der Schwellenwert nicht durch die Software berechnet, sondern behördlich festgelegt wird.

Die Software ProBat muss fortlaufend weiterentwickelt und an den aktuellen Stand von  Erfassungstechnik und Windenergie-Technik angepasst werden. Die Naturstiftung David engagiert sich mit finanzieller Unterstützung des Bundesamtes für Naturschutz für eine weitere Optimierung von ProBat. Aufbauend auf der aktuellsten ProBat Version 6.1 soll bis Ende 2020 unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse die Version 7.0 entwickelt werden. Noch stärker als in der Version 6.1 werden regionale Aspekte der vorkommenden Fledermausgemeinschaften bei der Berechnung der Betriebsalgorithmen berücksichtigt. Außerdem wird ein Modul entwickelt, das den Genehmigungsbehörden die Kontrolle der Einhaltung der Abschaltungen ermöglicht. Die Überarbeitung von ProBat erfolgt durch das ProBat-Entwicklungsteam. Die Naturstiftung David organisiert ein umfassendes Beteiligungsverfahren für Fledermaus-Experten, Entwickler, Gutachter, Genehmigungsbehörden und Betreiber. Ziel ist es, die Akzeptanz von ProBat zu erhöhen und die Software als Standard beim Betreiben von WEA zu etablieren. Gleichzeitig entwickelt die Naturstiftung David ein Konzept für eine langfristig wirksame Trägerschaft und Finanzierung.

Matthias Golle Telefon: +49 34673-780290 Mail schreiben

ProBat herunterladen

ProBat 6.1 zur Berechnung eines fledermausfreundlichen Betriebs an Windenergieanlagen entspricht dem aktuellen Stand der Wissenschaft und ermöglicht die Berechnung praxistauglicher Abschaltzeiten zur Verringerung von Fledermaus-Schlagopfern.

Zum Download

Projektfinanzierung

Das Projekt „ProBat – Weiterentwicklung der Praxis von Abschaltvorgaben zum Schutz von Fledermäusen beim Betrieb von Windkraftanlagen“ wird als Forschungsvorhaben des Bundesamtes für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums von Dezember 2018 bis Mai 2021 gefördert. Die Naturstiftung David koordiniert den Prozess der Verbesserung von ProBat und hat das Expertenteam der Firma OekoFor beauftragt, die Software weiterzuentwickeln. Die Finanzierung des Vorhabens ist Teil des Förderschwerpunktes „Naturschutz und Erneuerbare Energien“ beim Bundesamt für Naturschutz.


Vorarbeiten

Die erste Version der Software ProBat stammt aus dem Jahr 2014. Sie wurde von einem Expertenteam der Universität Erlangen auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen zum Fledermausschutz an Windenergieanlagen (RENEBAT-Projekte) entwickelt. In den Folgejahren wurde ProBat regelmäßig aktualisiert. Zuletzt wurde 2018 die derzeit aktuelle Version 6.1 entwickelt. Im Jahr 2019 hat die Naturstiftung David die Projektträgerschaft übernommen. Die Programmierung von ProBat erfolgt dabei durch das bisherige (inzwischen nicht mehr für Universität Erlangen arbeitenden) Expertenteam.

Weitere Projekte

Die Naturstiftung David engagiert sich mit weiteren Projekten für die Energiewende und den Schutz von Fledermäusen. In der Hohen Schrecke entwickelt die Stiftung eine Klimaschutzregion unter besonderer Berücksichtigung des Naturschutzes. In einem Verbundvorhaben zum Schutz der Mopsfledermaus werden auf Basis einer bundesweiten Verbreitungsanalyse gemeinsam mit Fledermaus-Experten konkrete Schutzkonzepte entwickelt und erprobt. Auch im Rahmen der Projektförderung der Naturstiftung David werden vielfältige Vorhaben zum Schutz von Fledermäusen und zum Klimaschutz unterstützt.

Downloads & Links

Begleitschreiben ProBat 6.1

PDF downloaden (102 KB)

Zur Publikation RENEBAT I

Cuvillier Verlag Link zur Website

Zur Publikation RENEBAT II

Leibniz Universität Hannover Link zur Website

Zur Publikation RENEBAT III

WindBat Link zur Website

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